Wind

Heute weht in Wien ein ziemlich heftiges Lüfterl …

Freudig verlasse ich kurz nach 15:00 Uhr das Büro. Arbeit erledigt, nach mir die Sintflut. Na ja, so unkollegial bin ich auch nicht, aber Dank meines braven Vorarbeitens letzten Freitag, war die restliche Arbeit schnell erledigt, und da ich Überstunden abbauen soll … 

Voller Vorfreude auf meinen Tiger steige ich in den Bus. Einmal quer durch Wien und eine dreiviertel Stunde später komme ich zu Hause an. Die Fenster zu unserer Wohnung stehen sperrangelweit offen. Ich rufe von der Straße aus nach Frau Katz – die Leute drehen sich kopfschüttelnd nach mir um – und siehe da, ein freudiges MAUK kommt vom mit Katzengitter versehenen Wohnzimmerfenster herunter. Ich schaue auf die Gesichter der Fremden, die mich vorhin leicht an meinem Geisteszustand zweifelnd angeschaut haben: die mürrischen Gesichter verziehen sich zu einem leisen Grinsen. Das Kopfschütteln bleibt konstant. 

Ich sperre die Türe zu meinem Haus auf und höre schon im Gang mein Katzentier lauf vor sich hinmaunzen. Zwei Stockwerke später wird die Wohnungstür aufgesperrt – zisch – Frau Katz drängt sich an mir vorbei mit einem hoffnungsvollen Gesichtchen: „Jö, jetzt kann ich in den Hof!“

„Natürlich, Schatzi, jetzt gemma in den Hof!“ Schnell verstaue ich die Einkäufe im Kühlschrank, ziehe mir meine bequemen Treter an und steige mit Frau Katz im Schlepptau die zwei Stockwerke wieder runter in den Katzenhinterhof. Wie ein Fitschipfeil zischt Frau Katz auch hier wieder an mir vorbei und springt und läuft und schnofelt sich durch die wilde Botanik.

Dann frischt der Wind auf. Ziemlich heftig, muss ich zugeben. Frau Katz schaut irritiert hoch, widmet sich aber bald wieder einem interessanten Käfer im Gehölz. 

Der Wind lässt nicht locker und mahnt mit einem stärkeren Gebläse zum Aufbruch. Diesmal ist Frau Katz schon ein bisschen unsicherer. Sie macht einen Katzenbuckel, stellt jedes Rückenhaar einzeln auf und schaut ängstlich den hohen Baum hinauf, den der Wind laut ächzend hin- und herbeutelt. Das Knarzen des alten Baumes ringt sogar mir leichten Respekt ab.

Zur Sicherheit stellt Frau Katz nun auch die Schwanzhaare zu einer bedrohlichen Mega-Kampfkatze auf. Wild schnüffelt sie in die Luft hinein, als könnte sie dort etwas riechen, was der Mensch noch nicht einmal erahnen kann. Die Äuglein werden zu zwei schmalen Sehschlitzen verengt, die Ohren zurück gelegt und die Welt weiter intensiv beobachtet.

Ich denke mir nichts dabei, packe mein mitgebrachtes Buch aus und beginne zu lesen. Immer wieder blinzle ich in Richtung Tigerchen. Frau Katzens Aufmerksamkeit lässt keine Sekunde nach, allerdings relaxt meine Katzendame mit der Zeit immer mehr und mehr. Schließlich wird das Windbeobachten wohl doch ein wenig zu öd und Frau Katz widmet sich wieder diesem Käfer im Gehölz. 

Doch dann, fast scheit es so, als würde das himmlische Kind ein wenig wütend werden ob der Missachtung dieses kleinen Vorstadttigers, frischt der Wind abermals auf und schüttelt und rüttelt an allem was nicht niet- und nagelfest ist. Blätter wirbeln hoch, meine Buchseiten verschlagen sich, Aststückchen rieseln auf Frau Katz …

Aber hei, wo ist Frau Katz? Ich erwische meinen vierbeinigen Feigling gerade noch, als sie auf Bauchhöhe geduckt und mit eingezogenem Schwanz durch die Hinterhoftüre flitzt, die sich sogleich mit einem lauten Knall schließt. Nun ja, soviel Heldenmut kann man von einer Wohnungskatze wohl nicht erwarten, denke ich mir und gehe lachend meinem Stubentiger hinterher.

So schnell wetzt Frau Katz nicht allzu oft die zwei Stockwerke in unsere Wohnung hoch! 🙂

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10 Kommentare zu “Wind”

  1. einfach herrlich!!!!!!!!!!!

    hab ich jetze gegrinst und mein Männe hat mich gefragt – wattn los??? 🙂

    ich bin wieder der Meinung – deine Geschichten müssten noch mehr Menschen lesen 😉

    liebe Grüße

    Ini

  2. *gg* danke, Ini, schönes Kompliment!

    Ich find ja auch, dass Frau Katzens Geschichten von noch mehr Menschen gelesen werden sollte — is in Arbeit … 🙂

    LG Kipet

  3. Liebe Ini,

    Oh nein, das ist eine schlimme und furchtbar traurige Nachricht! Ich hoffe, dass Eure Morle nicht zu sehr hat leiden müssen und sie nun einen schönen Platz im Katzenregenbogenland hat. 😦

    Ich denke an Euch und wünsch Euch, dass Ihr bald wieder fröhlich sein könnt!

    Alles Liebe!
    Kipet

  4. liebe ini, das tut mir für dich und deine familie SEHR, SEHR leid.
    ich hab mir das foto von morle angeschaut, sie war eine wunderschöne katze und wird sicher auf einer schönen und weichen wolke im katzenhimmel sitzen und gerne an ihre zeit bei einer so netten familie denken.

  5. danke ihr zwei lieben.

    Morle hat sich einen Tag „ausgesucht“ wo ich nicht da war. Ich glaub sie wusste wie ich reagieren würde. Sie hatte mich ja auch damals getröstet, als ihr Sohn gehen musste.

    Ini

  6. Katzen haben ein ganz eigenes Gespür. Ich hab da mal eine Geschichte gelesen, die wahr gewesen sein soll:

    Ein kleines Katzenkind hat mit dem Tod gerungen. Als es wirklich hart auf hart kam haben sich sämtliche Katzen aus der Umgebung im Vorgarten der Katzenbesitzerin des todkranken Kätzenchs gesammtelt. Jeder soll sich gewundert haben, warum sich alle Katzen im Garten aufhalten. Sie saßen ganz still da und haben das Haus beobachtet, in dem das kleine Katzenkind um sein Leben kämpfte. Plötzlich waren die Katzen verschwunden. Eine nach der anderen ging ihrer Wege.
    Am nächsten Tag soll die Katzenkindbesitzerin erzählt haben, dass genau in dem Moment, als es dem Kätzchen besser ging, alle Katzen gegangen waren.

    Eine schöne Geschichte. Und sie zeigt, wie wertvoll jedes einzelne Katzentier ist. 🙂 Auch wenn sie mal nerven, zicken, kratzen und irre launisch sind, sie versüßen einem das Leben, helfen durch dunkle Zeiten und sind eigentlich immer für IHREN Menschen da … Schön, so ein Leben mit Katze, auch wenn der Abschied immer viel zu früh kommt!

    Ich mag gar net daran denken!

    Alles Liebe, Kipet

  7. hallo liebe Kipet,

    danke für die einfühlsame Geschichte.

    stimmt – der Abschied kommt immer viel zu früh…

    liebe Grüße

    Ini

  8. schön und wohl tuend, deine geschichte über die katzen die im garten zusammenkommen um dem kleinen kätzchen „kraft“ zu geben in dem sie einen energiekreis bilden.

    und dann lästere noch einmal irgendjemand über die nicht erklärbaren natürlichen fähigkeiten und phänomene die viele menschen mit dem überbegriff „esoterik“ zusammenfassen und als lächerlich abtun ….

    und das nur, weil sie noch nicht bereit sind, auch solchen ereignissen einen platz einzuräumen. was sie mit dem verstand nicht zuordnen können darf und kann nicht sein. ich denke, dass ihnen diese dinge angst machen. ist es andererseits nicht schön erfahren zu dürfen, dass es ausser dem realen (manchmal gar nicht so schönen) leben zeit, raum und andere ebenen gibt die hoffnung geben und trösten?

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